Als um 19:00 Uhr die Sirenen über West-Chernarus aufheulten, klang es für einen kurzen Moment so, als wolle die Welt sich noch einmal an ihren eigenen Untergang erinnern. Der Abend kroch in einem dichten, blutrot gefärbten Nebel heran, der über dem angeblichen Schlachtfeld lagerte wie eine alte Schuld, die keiner mehr begleichen will. Alles stand bereit für die übliche Liturgie aus Schüssen, Geschrei und dem Geräusch platzender Hoffnungen. Doch diese Purge-Nacht, so zäh und unerquicklich sie auch begonnen hatte, trug von Anfang an den schalen Beigeschmack vollkommener Harmlosigkeit. Zwischen 19:00 und 23:00 Uhr blieb das große Morden aus. Keine Jagd, kein Aufschrei, keine letzte Zigarette im Dreck. Nur die leere Drohung einer Nacht, die sich gefährlich gab und doch völlig ruhig und ungefährlich blieb.
Und so richteten sich die fiebrigen Blicke auf den blutigsten Ort der Nacht: Unbekannt. Ein Name wie ein Massengrab ohne Schild, eine Region, die man in besseren Stunden vielleicht für ein absolutes Schlachtfeld gehalten hätte. In meiner Vorstellung lagen dort aufgerissene Erde, verlassene Stellungen und der Geschmack von Eisen in der Luft, als hätten Generationen von Narren ihr Blut in den Staub gespuckt. Doch auch dort herrschte nichts als Stille. Keine Front brach auf, kein Fraktionsbanner wurde im Regen aus Gedärmen gehisst, kein Rudel Größenwahnsinniger versuchte, mit Blei Geschichte zu schreiben. Die großen Fraktionen hielten sich zurück, als hätten selbst sie verstanden, dass man aus leerer Finsternis keinen Ruhm pressen kann. Unbekannt blieb ein Schlachtfeld ohne Schlacht, ein Altar ohne Opfer, ein Theater ohne Darsteller.
Was die Jäger und Gejagten betrifft, so verdient diese Nacht einen Platz im Archiv des Hohns. Der Top-Killer der Purge war niemand, weil es keinen gab. 0 verzeichnete Kampfhandlungen, 0 Mörder auf freiem Fuß, und damit auch 0 Legenden, die sich an einem Tresen ihre Heldentaten hätten zusammenlügen können. Ebenso jämmerlich sieht es auf Seiten der Opfer aus: Das Top-Opfer war ebenfalls niemand, und selten wurde einer so gründlich verschont. Kein armer Bastard stolperte schreiend in sein Ende, keiner küsste den kalten Boden mit aufgerissener Kehle. Man könnte fast sagen, die Gejagten dieser Nacht wurden von einer Gnade bewahrt, die sie vermutlich nicht verdient hatten.
Auch taktisch bot diese Purge so viel wie ein entladener Revolver im Morast. Keine Nahkämpfe mit zitternden Händen und rostigen Klingen, keine Scharfschützen, die aus dem Nebel heraus fremde Leben ausradieren, keine hastigen Feuerstöße in schwarze Fensterhöhlen, keine Exekutionen im Graben, kein panisches Nachladen mit blutigen Fingern. Die bevorzugte Methode der Nacht war das vollständige Unterlassen jeder Methode. Der Danger Level stand folgerichtig auf UNGEFÄHRLICH, ein Wort, das in diesen Breiten sonst klingt wie ein schlechter Witz über einen offenen Bauchschuss. Der rote Nebel hing zwar da wie eine Verheißung des Grauens, doch er musste ohne seine übliche Beute auskommen.
Als sich gegen 23:00 Uhr das Ende dieser sonderbar sterilen Nacht abzeichnete, blieb den Chronisten nur die bittere Arbeit, das Nichts zu zählen. Keine Leichenberge, keine Witwen, keine frisch geschaufelten Löcher im aufgeweichten Boden. Die Bilanz war so karg wie ein ausgeräumtes Lazarett: 0 verzeichnete Kampfhandlungen, 0 Mörder auf freiem Fuß, völlige Ruhe auf den Straßen und in den Ruinen. Der blutrot gefärbte Nebel verzog sich schließlich wie ein Schauspieler, der merkt, dass niemand gekommen ist, um das Stück zu sehen. Und wir bleiben zurück, mit schmutzigen Stiefeln, leeren Notizbüchern und dem widerwilligen Wissen, dass selbst die Purge manchmal nur eine Pause im Elend ist. Bis zum nächsten Samstag wartet West-Chernarus weiter, geduckt, müde und hungrig auf das, was vielleicht wieder nicht kommt.